LVM IV Oblivio – Sanctitas

Ich sah das dritte Bild.
Sein Kopf war der einer Sterneidechse.
Sein übriger Körper ähnelte einer Makrele.

Vor ihm erschien eine Wolke,
schwarz, sturmgepeitscht und voller Nebel,
durchmischt mit einer dichten weißen Wolke.

Auf sie hatte das Bild hatte seine Vorderflossen gelegt
und sprach:

OBLIVIO - Selbstvergessenheit/Gottvergessenheit

Kennt Gott mich nicht, kenne ich ihn nicht.
Was soll ich mich meines Willens enthalten,
will Gott mich weder, noch höre ich ihn?

Darum schaue ich jedenfalls überall darauf,
was mir nützt, was ich will.
Das weiß ich und verstehe ich.
Was mir gefällt, mache ich.

Viele rufen mir zu von anderem Leben.
Das kenne und höre ich nicht. Keiner zeigt es mir.

Auch sagen mir viele: Tu dies und jenes.
Zeigen mir Gott, Leben und Lohn,
den ich empfangen soll,
dass ich weiß, wie ich handeln könnte.

Viele Tyrannen laufen zu mir,
tragen mir großartige Vorgaben auf, mehr falsch als wahr, die sie wiederum selbst nicht erfüllen.

Was mir aber zu tun nützt, ist erlaubt,
wie mir im Auftrag vorgegeben.
Will nicht mehrere Götter oder Lehrer.
Gibt es Gott, kennt er mich sicher.

 

SANCTITAS - Heilwerden/Heiligung

Geschwindestes Verderben, was sagst du?

Wer hat dich geschaffen?
Wer macht, dass du lebst?

Gott.

Warum erkennst du nicht,
dass du dich nicht selbst gemacht?

Ich rufe Gott an,
erbitte von ihm alles
Notwendige zum Leben.
Vernehme seinen Auftrag.

Beharre darin,
ihn selbst zu sehen und zu erkennen.

Auf welche Weise?

Bin denn im guten Gewissen fliegend leicht.
Spüre Gott darin.

Schlage darin die Laute des Gebets.
Bete ihn an, erkenne ihn darin.

Blicke ich auf Vergängliches zurück,
wende ich mich ab von Gott.

Denn Nahrung, Kleidung,
alles Menschen
Notwendige gibt nicht Erde,
sondern Gott.

Menschen sehen alles wachsen,
aber nicht, woher, wie es wächst.

Sie wissen nur, es wächst durch Gott.

Niemand kann all die Menschen,
all die Zeitalter entstehen lassen,
noch kann irgendjemand
Allerkleinste
s auf der Welt beleben, außer Gott.

Dadurch lässt sich verstehen, was Gott ist.

So soll der Mensch mit größter Hingabe
Gott in all
en seinen Werken dienen,
sich fernhalten von üblen Dingen,
i
n seines Gewissens Flug
nicht nur eigenen Willen zu vollenden.

Begehre denn, der Enthaltsamkeit Gurt zu tragen.
Will verharren in der Seligkeit angenehmer Blüte.

Führe so Königs Kampfordnung
in Gottes Feststandarte,
wo Gott seine Werke wirkt.

Hildegard von Bingen - LVM IV