LVM IV Cupiditas - Contemptus Mundi

Das siebte Bild ähnelte bis zu seinen Knien einer Frau.

Aber seine Knie und Füße waren so in Finsternis gebunden,
dass ich sie darin nicht sehen konnte.

Seinen Kopf hatte es nach Frauenart verhüllt,
trug glänzendes Gewand. Es sprach:

 

CUPIDITAS - Begehrlichkeit

Sehr wünsche ich, mühe mich,
jedes Ding an mich zu bringen,
reich, ehrenvoll und schön,
jedes Geschenk anzunehmen,
das zu erringen und zu haben.

Je mehr ich habe,
so sehr vervielfacht mein Selbstbewusstsein sich.

Angemessen ausgestattet sein in schönen Ringen,
Halsschmuck, Ohrgeschmeide, anderen Reichtümern,
halte ich für weise,
führe bei feinsten Anlässen alles recht vor.

Hätte ich das nicht,
wäre alles Guten, Angemessenen leer,
weder weich noch hart wie schmutziges Holz.

Aber Gott und Menschen kann ich Gutes tun,
will Menschen wohltun und übrigen Geschöpfen.


Und wieder hörte ich, wie aus der Sturmwolke
eine Stimme diesem Bilde Antwort gab:

 

CONTEMPTUS MUNDI - Verachtung der Außenwelt

Bist schlimmster Fallstrick.
Gestaltest Leiblichkeit,
in verschiedenen Formen und Arten
Vergnügen zu bieten.

Generationen von Menschen strecken
ihren Sinn nach Reichtum und Weltenehre,
suchen in Sonne und Sternen Zeichen,
behaupten
, denen sie darin vertrauen, seien Götter.

Was n
utzt ihnen diese Eitelkeit?

Wo sind nun ihre Reichtümer, Ehren, Besitzungen? In Höllenglut.

Verdiente Strafen leiden sie.
Verharrten nicht in Gestalt Heiligen Geistes,
sehnten nicht, was des Himmels,
sondern strebten
allem Leiblichen,
Vergänglichen nach.

Verharre aber in Heiligen Geistes Gestalt.
Vollende meine Bahn im Lauf für Gottes Auftrag.
Wandle stets auf seinen Wegen.
Rufe ihn selbst Vater,
Vernichte alle Begehrlichkeit aus eigenem Willen. Werde überall offenbar.

Beschweren mich Gelüste,
wecken Gottesfurcht, Heiligen Geistes Feuerra
d mich rasch.

Ehren Völker mich in des Herren Namen,
wollen all
das Seine mir überreichen,
achte ich
es gering, sage:

In Gottes Angesicht entgeht mir das.
Und erröte sehr.

Ruft Verfehlung mich durch Eingebung,
gebe ich zur Antwort:

Nicht du hast mich erschaffen.
Kannst mich vom Bösen nicht befreien.
Darum verachte ich deine Täuschung.

Denn entzündet mich
Heiligen Geistes Flammenfeuer,
verzehrt es alles Irdische in mir.

Schreite so auf hoher Bahn durch alles,
was des Himmels ist.

Hildegard von Bingen - LVM IV