LVM V Vagatio - Quies Stabilitatis

Das zweite Bild, sah ich, hatte Jungengestalt.

Nur fehlte ihm das Kopfhaar.
Gesicht und Bart eines alten Mannes hatte es.
Hing in Finsternis in einem Tuch wie einem Nest,
wie vom Wind hierhin und dorthin geweht.

Andere Gewänder konnte ich nicht an ihm sehen. 

Mal erhob es sich aus dem Tuch.
Mal verbarg es sich darin.

Es sprach:

VAGATIO - Herumschweifen

An einem Ort, bei einem Volk zu bleiben,
halte ich für dumm.

Will mich überall zeigen, meine Stimme überall hören, mein Gesicht überall sehen lassen.

So erweitere ich meinen Ruhm.

Wächst das Korn, erscheint seine Blüte.

Wäre das nicht, welchen Ruhm hätte der Mensch?

Korn bin ich in meiner Weisheit und Vernunft.
Blüte in meiner Schönheit.

Drum zeige ich mich überall.


Wiederum hörte ich aus der Sturmwolke
eine Stimme diesem Bilde Antwort geben:

 

QUIES STABILITATIS - Ruhe der Beständigkeit

Teufelskunst -
Fällst wie Heublüte.
Wirst zertreten wie Dreck auf dem Weg.

Stimme der Eitelkeit, Anblick von Unrecht -
Siebst nicht Worte der Vernunft.
Springst haltlos wie die Heuschrecke herum.
Verteilst dich wie Schnee an vielen Orten.

Der Weisheit Speise isst du nicht.
Trinkst nicht der Unterscheidung Trank.
Willst lieber Vogelleben imitieren,
ohne Bestand in seiner Wohnung.

Bist so Asche und Schmutz.
Wirst keine Art von Ruhe haben.

Hildegard von Bingen - LVM V