LVM V Avaritia - Pura Sufficientia

Das vierte Bild erschien in Menschenform.

Nur fehlte ihm das Kopfhaar.

Es hatte einen Ziegenbart, kleine Pupillen,
weite weiße Augen.

Seine Nase atmete Luft schwer ein und aus.

Seine Hände waren aus Eisen,
seine Knie blutig, seine Füße die eines Löwen.

Es trug bleiches Untergewand,
ausgebleichte schwarze Farbe darin gemischt eingewebt,
weit in seinem unteren Teil rund um die Knie.

Über seiner Brust erschien ein Geier von schwarzer Farbe,
hatte seine Füße in dessen Brust gekrallt,
kehrte aber dem Bild Schwanz und Rücken zu.

Vor ihm stand ein Baum,
hatte seine Wurzeln in der Hölle vergraben.
Seine Früchte waren Äpfel, gefärbt wie Pech und Schwefel.

Diesen Baum betrachtete das Bild eingehend.
Sein Mund riss Früchte von ihm ab, verschlang sie gierig.

Viel schreckliches Gewürm umgab sie,
bewirkte mit seinen Schwänzen
großen Lärm und Aufruhr in der Finsternis.

Das Bild sprach:

AVARITIA - Habsucht

Bin nicht dumm, sondern weiser als jene,
die auf Wind schauen,
von Luft alles Notwendige erbeten.

Reiße alles an mich. Sammle es in meinem Schoss.

Je mehr ich raffe, desto mehr habe ich.

Mehr nützt mir, selbst alles Notwendige zu haben,
als andere darum zu bitten.

Keine Schuld trifft, wer mehr hat als notwendig,
häuft er Mehr an, trägt er Mehr zusammen.

Habe ich mehr als ich will, habe ich nicht nötig,
um etwas jemanden zu bitten.

Sehe ich alles, was ich will, in meinem Schoß,
füllt mich all das, was mich freut, mit Wohlstand.

Dann fürchte ich niemanden,
lebe im Glück, leide nicht Mangel,
brauche kein Mitleid von irgendjemandem.

Bin denn schlau in verschlagener Härte.
Fordere alles ein, was mein.
Niemand kann es mir entreißen.

Was schadet mir, droht man mir,
gelingt keinem, mich zu verletzen?

Ich bin kein Räuber oder Strauchdieb,
greife nach allem, was ich will,
reiße es an mich in meiner Kunst.

Und wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke diesem Bilde Antwort gab:

 

PURA SUFFICIENTIA - Reine Genügsamkeit

Teufelstrug -
an der Beute schnell wie der Wolf.
Verschlingst Fremdes wie ein Geier.

Doch feiste Pusteln beulen sich an dir.
Unrechte Wünsche beladen dich
wie
ein Kamel seine Höcker.

Bist Wolfsschlund.
Bereit, alles zu verschlingen.

Liegst so in Härte, in allem gottvergessen.
Vertraust dir nicht.

Bist hart, bitter ohne Erbarmen.
Willst nicht der anderen Erfolg.

Wie Würmer in ihre Gänge kriechen,
entziehst du wilder Tagelöhner dich
dem Wohlstand anderer.

Nichts genügt dir.

Sitze aber über den Sternen.
Alle Gottes Güter gewähren sie mir.
Freue mich am süßen Klang des Tympanums,
denn ich vertraue auf ihn selbst.

Schaue die Sonne an, habe an ihr stets Freude.
Umarme den Mond und halte ihn in Liebe.

Was sie entstehen lassen, das gewähren sie.
W
ozu mehr begehren, als ich brauche?

Da ich mit allem Mitleid habe,
ist mein Gewand von weißer Seide.

Da ich in allem Nutzen sanft,
ist mein Gewand
verziert mit edelstem Gestein.

Bin so in Königs Haus.
Von dem, was ich mir wünsche, fehlt mir nichts.

Mein ist das königliche Fest,
da ich die Königstochter bin.

Du aber, Schlimmster Teil,
kreist
um das ganze Erdenrund,
füllst
trotzdem deinen Magen nicht.

Hildegard von Bingen - LVM V