Fastenzeit 20 - LVM I „Die Mitte der Schöpfung“

'Und ich sah einen Menschen von solcher Größe,

dass er sich von der Wolken Höhe
bis in den tiefsten Abgrund
streckte,
sich von seinen Schultern an über den Wolken
im klarsten Äther befand.

Von seinen Schulter bis zu seinen Oberschenkeln war er unterhalb der Wolkendecke
in etwas wie einer strahlenden Wolke.

Von seine Oberschenkeln bis zu seinen Knien
in erdnaher Luft.

Von seinen Knien bis zu seinen Waden
war er in der Erde.

Von seinen Waden bis zu seinen Sohlen
war er in den Wassern der Tiefe,
so dass er auch über dem Abgrund stand.

Und er hatte sich nach Osten gewendet,
betrachtete so Osten und Süden.

...

Darauf sah ich von Norden eine Wolke heraufziehen.

Sie dehnte sich zu den Schatten aus, bar aller Freude, allen Glücks.

Die Sonne berührte sie nicht. Zeigte sich ihr nicht.

Voller bösartiger Geister war sie.

Die schweiften herum, da und dort,
Menschen Fallen zu stellen.

Ließen besagten Mann erröten.

Und ich hörte die alte Schlange sich sagen:

„Bereite meine Streitkraft vor auf Vorgefechte.
Bekämpfe meine Gegner, so sehr ich kann.“

Und sein Mund erbrach Abschaum voll Widerwärtigem
und Fehlern unter die Menschen, blähte sie mit noch größerem Hohn, sprach:

„Wach!
Die sich Sonnen nennen, ihrer leuchtenden Werke wegen,

will ich im Schatten schändlich, nachtfinster, abscheulich machen.“

Und hässlichen Nebel stieß er auf.
Der bedeckte die Welt wie schwarzer Rauch.

Ließ daraus lautes Geschrei los, redete:

„Kein Mensch würde einen fremden Gott anbeten,
den er weder sieht noch kennt.

Was ist das, was der Mensch verehrt,
das er nicht kennt?“

 

Im Nebel sah ich verschiedene Unarten in ihren Bildern.
Sieben davon sah ich folgender Weise:

Hildegard von Bingen - LVM I