LVM I/4 Obduratio - Misericordia

Wie dichter Rauch in Menschenform war das vierte Bild.

Hatte weder menschliche Glieder,
nur etwas, was wie große, dunkle Augen schien.

Noch bewegte es sich, um auf- oder abzusteigen,
sich diesem oder jenem zuzuwenden,
sondern blieb starr unter dem Schatten.

Es sprach:

OBDURATIO - Herzenshärte

Nichts schuf ich oder sah es vor.

Warum mich also zerreißen,
mich kümmern um ein Anliegen?
Das mache ich nicht.
Nicht kümmert mich, was mir nichts bringt.

Gott schuf alles.
Soll Er entscheiden. Sorge tragen.
Gebe ich Laut, schmeichele mich in fremde Angelegenheit,
was nützt mir das?

Füge niemandem etwas zu.
Nichts Böses. Nichts Gutes.
Was wäre, wäre Erbarmen in mir so groß,
dass ich nicht zur Ruhe käme?
Wie wäre mein Leben, antwortete ich all den Stimmen,
die sich freuen oder klagen?
Mich kenne ich. Jeder soll sich kennen.“

Wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke
diesem Bilde Antwort gab:

MISERICORDIA – Barmherzigkeit

Versteinerung, was sagst Du?
In ihrem Blühen gewähren Pflanzen
anderen Pflanzen ihren Duft.
Feuchtigkeit schenkt ein Stein dem anderen.

Bereit ist jedes Geschöpf, alles zu umfangen,
was es kennt.

Alle Geschöpfe dienen dem Menschen.
Tun in diesem Dienst dem Menschen gerne wohl.

Du aber bist unwürdig,
etwas an Menschengestalt zu haben.
Schaust grimmig ohne jedes Mitleid.
Bist boshafter Schwärze bitterster Rauch.


Bin süßeste Saat in Luft, in Tau, in aller Lebenskraft.
Voll sind meine Adern, jedem Hilfe zu gewähren.
War denn im „Es Werde“.
Daraus entstanden alle Geschöpfe,
die dem Menschen dienen.

Du aber warst dort ausgeschlossen.

Betrachte alles Notwendige, verbinde mich damit,
sammele Gebrochene zur Heilung.

Denn bin da, Schmerzen zu beenden.

So sind meine Reden da recht und richtig,
wo du bitterer Rauch bist.


Hildegard von Bingen - LVM I