LVM IV Iniustitia – Iustitia

Das erste Bild hatte einen Kopf wie ein Hirschfohlen,
einen Schwanz wie ein Bär,
sein übriger Körper ähnelte tatsächlich einem Schwein.
Das Bild sprach:

INIUSTITIA - Unrecht

Über wen setze ich mein Recht?
Über niemand.

Beachtete ich dies und das,
wäre ich nicht Gottes Geschöpf.
Vielmehr wie ein Esel, der langsam daher trottet,
wird er nicht mit der Knute getrieben.

Ich bin weiser und klüger als andere.
Kenne Sonne und Mond, Sterne und übrige Geschöpfe,
richte jeden Fall, jedes Ding richtig ein.

Warum mich schamhaft zurückhalten,
als wüsste ich nichts?

Weise ich jemandes Bedingung zurück,
handelt er vielleicht genauso an mir.

Doch gehe ich nicht darauf ein,
ist meine Anordnung doch nützlicher.

Warum mich grämen, als wüsste ich nichts Gutes,
sind all meine Angelegenheiten doch nützlicher,
besser als anderer?

Mir geht es so gut wie jenen, die alles urteilen und werten.

Wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke
jenem Bilde Antwort gab:

 

IUSTITIA - Gerechtigkeit/Rechtschaffenheit/Recht

Verwirrende, schamlose Kunst,
was redest du?

Jede Unterstützung hat Gott so eingerichtet,
dass jedes auf ein anderes achtet.

Je mehr einer vom anderen weiß,
was er von sich nicht kennt,
um so
mehr Bewusstsein ist in ihm.

Darum hat er auch ein achtsames Auge,
sieht sich vor, nicht in Gefahr zu geraten,
nichts zu riskieren in irgendeiner Gefahr.

Betrachtet denn der Mensch nicht,
wem er vorsteht im Befehl,
welche Geschöpfe ihm gehorchen,
welche Geschöpfe ihm dienen?

Mit der Geschöpfe Hilfe erarbeitet sich
der Mensch das Notwendige.

Gräbt Gärten mit der Hacke,
wendet Äcker mit dem Pflug.

Pflügen auch Ochsen,
befiehlt er ihnen
doch, zu wandeln,
fasst jedes Geschöpf nach seiner Anlage,
was er
davon zu seinem Nutzen braucht.

Warum verachtest du den Menschen,
in dem Himmel und Erde verstanden?

Warum verschmähst Du
Heiligen Geist
es Lehre und Gabe,
die Heilige
r Geist Menschen eingibt?

Denn Gott baut der Mensch den Tempel und Altar,
auf dem er ihm dient.

Erkenne darum im Menschen
Heiligen Geist
es Gabe.

Weiss, dass er Werk Gottes ist.
Bin damit in Einklang.

Halte mit Recht die Königskrone
über Schöpfung und ihre Werke.

Betrachte sie in Ehre.
Wirke in ihren Werken mit,
so dass sie Freude an mir haben.

Denn auf der Gerechtigkeit Pfad
bin ich ihr Hirtenstab.

So fällt, wer mich verachtet,
in den Graben.

Vom springenden Quell ging ich hervor,
So schreckt mich kein Erdenfall.

Erhob mich mit dem Morgenrot.
Bin umsichtigste Gefährtin Gottes.

Verharre bei Gott. Weiche nicht von seiner Seite.

Bin durch ihn tiefgründige Heilkraft.
Falle nicht, fällt Dürre.

Bin denn aller Bäume Blüte,
die Winter nicht vertrocknen lässt,
die nicht fallen vor dem Sturm.

Wohne auf dem Berge Zion, bin in Ruhe,
wandle in de
s Lammes Wohnung,
erhebe mich in seinem Sieg.
Bin im Königssieg.

Niemand findet mich bezwungen.

Niemand bewegt mich. Niemand schreckt mich.

Denn ich falle nicht.

Hildegard von Bingen - LVM IV