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Bildung & Brauchtum

LVM IV Vir "Urstoff der Menschlichkeit"

Ich sah, wie der Mann sich nach Süden wandte
und so Süden und Westen betrachtete.

Und die Erde, in der der Mann stand
von seinen Knien bis zu seinen Waden,
hatte Feuchte, Grünkraft, Keimkraft in sich,
war dem Mann wie Blütenfülle seiner Stärke Schmuck.

Als wäre seine Kraft dadurch geschmückt,
fruchtbar zu sein in allen Arten.

Denn alle Gestalten an Erdengeschöpfen
bringt Erde hervor.

Ist auch im Menschen Urstoff Gottes Wirkens.

Das wiederum ist
Urstoff der Menschlichkeit des Gottessohns.

Hildegard von Bingen - LVM IV

 

 

LVM III VOX/Stimme der Auslegung: "Den Aufglanz der Ewigkeit..."

Aufglanz der Ewigkeit und fortwährenden Glücks nehmen jene an,
die gerecht durch heilige Werke,
im Vertrauen auf die heilige Dreifaltigkeit
jenes Rad bedienten, das Ezechiel sah.

Darin wird G-tt sie sehen und sie sehen G-tt.

So werden sie in Fröhlichkeit und Freude,
frei aller zerbrechlichen
Leibes Last,
gehoben in Höhe und Weite blitzenden Glücks.

Funken sprühend in ihren heiligen Werken,
ohne Gefühl von Körperschwere,
werden sie dort
weit in Heiligkeit,
ohne irgendeines Widerstands Last.

Hildegard von Bingen - LVM III

 

 

LVM III Zelus Dei - Eingreifen Gottes: "Gestalt im Stahlgewand"

Auf des Mannes rechter Seite
sah ich ein Bild stehen wie von Menschengestalt.

Es hatte ein Feuergesicht, trug ein Stahlgewand,
brüllte gegen die Fehler an und schrie:

"Verwirrers Gefäße, Einfluss seiner Übel,
die er der Menschheit in seinen Todeskünsten eingibt.

Vernichtet werdet ihr in Christi Blut.
Geht unter im Alpha und im Omega.

Ihr seid schlimmster Tod."

Hildegard von Bingen - LVM III

 

 

LVM III/7 Luxuria – Castitas

Das siebte Bild hatte Frauengestalt,
lag auf seiner rechten Seite.

Hatte seine Beine so an sich gezogen,
wie der Mensch müßig auf seinem Lager liegt.

Seine Haare waren wie Feuerflammen.
Seine Augen weiß wie Kreide.

Es hatte bleiches Schuhwerk an den Füßen,
dass es weder aufstehen noch stehen konnte.
Sein Mund stieß Dunst und giftigen Schaum hervor.
Seine linke Brust säugte etwas wie ein Hundewelpen,
seine rechte etwas wie eine Viper.

Mit Händen riss es sich Blüten von Bäumen und Kräutern,
saugte ihren Duft mit seiner Nase auf.

Es hatte sonst keine Gewänder an,
sondern war von Feuer ganz umgeben.

Wie Heu vertrocknete sein Brand alles, was es umgab.
Es sprach:

LUXURIA - Ausschweifung

Hülle Gottes Abbilds Gestalt ein in Unflat.
Gott ist das sehr lästig. So verderbe ich alle.

Denn ruhmreich, hoch bin ich.
Ziehe nach meiner Natur, mir eingegeben, mir angeboren, alles Erlaubte an mich.

Was soll ich mich zurückhalten,
Ruf nach Wohlleben und Wankelmut in mir beschneiden?

Ist denn strafbar,
komme nach ich meiner Veranlagung Teil?

Erfülle ich nicht, was meines Leibes Lust mir abverlangt,
bin ich zornig, schmerzvoll, trugvoll, marternd,
von Unruhe erfüllt.

Soll doch der Himmel sein Recht,
dafür die Erde ihre Notdurft haben.

Ist Gott Leibesnatur lästig,
er selbst hätte Vorsorge treffen können,
dass Leib sie nicht verrichten kann.

Wieder hörte ich eine Stimme aus der Sturmwolke
diesem Bild antworten wie aus königlichem Kronschmuck:

 

CASTITAS - Lauterkeit

Bin nicht müßig,
so wie du Unflat stets mit Sinnesreizen spielst.

Liege nicht in jenem Bett,
auf dem du liegst, dir Schande rufst.

Kein Giftwort kommt aus meinem Mund,
schlüpfrige Scheußlichkeit zu lehren.

Sondern schöpfe Trank süßesten Taues
im Gefäß des Segens.

 

Alle meine Werke liegen in Abkühlung bei G-tt.

Sitze in der Sonne.
Betrachte der Könige König.
Wirke alle guten Werke gern.

Will nicht Skorpions Stachel,
der dich
mit Unreinheit verletzt.

Sondern im Einklang frohen Lebens
entsteht meine Freude aus Ehrlichkeit und Takt .

 

Denn meine Lebensfreude
fesselt mich
nicht in lasterhafter Abscheu.
Verwundet mich nicht mit schamlosen Schmutz.

Du aber, Drecksstück,
bist Schlangenmagens gefräßige Gier,
aus Einflüsterung
erwachsen in Adam und Eva,
als
ihnen Achtsamkeit entschwand.

 

Entstand aber in Vaters höchstem Wort.

So stürzen Himmel und Erde über dir zusammen,
sehen sie dich in deiner Verwirrung nackt.

Hildegard von Bingen - LVM III

 

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